Trauerfeier Sehr gern denke ich an die Trauerfeier für Helga Teßmann in Bad Wilsnack am 2.März 2013 zurück.

Im Namen vieler Trauernder danke ich an dieser Stelle ganz herzlich Herrn Pfarrer Kuhn, amt. Superintendent im Kirchenkreis Perleberg-Wittenberge nicht nur für die wunderbar trefflich gewählt und formulierten Worte sondern auch für die Erlaubnis größere Textpassagen seiner Ansprache hier zum erinnernden Lesen verwenden zu dürfen.

Der Friede des Herrn sei mit uns allen, Amen.

Es schweigen die Lippen, es trauern die Herzen, und viele Augen voller Tränen, so sind wir heute beieinander, um einen Abschied zu vollziehen, den niemand hätte vorausahnen können. Wir trauern um Helga Teßmann. Und es sind viele, die um sie trauern. Wenn wir das Sprichwort aufrufen 'Sage mir deine Freunde, und ich sage dir, wer du bist!', und wenn wir einander wahrnehmen, so tritt ins Bewusstsein, wer Helga Teßmann war: geliebte Schwester, verehrte Tante und Großtante, Wahlverwandte, Weggefährtin in der Vollendung musikalischen Genusses, Leitbild für Lebensfreude und ästhetischen Anspruch Auch ich darf mich als Seelenverwandter von Helga Teßmann bezeichnen im Lauschen darauf, wie die Musik unser Leben und unsere Welt durchwirkt. Ich heiße Tilmann Kuhn, bin Pfarrer und amtierender Superintendent in Perleberg und fühle mich durch die Bitte der Angehörigen geehrt, diese Trauerfeier mit Ihnen zu gestalten. Welch eine Fülle von positiven Erinnerungen und Empfindungen ehrt heute das Andenken an Helga Teßmann und umkränzt ihre Urne schöner, als jeder Blumenschmuck es könnte. In der Ehrlichkeit und in der Verletzlichkeit solcher Empfindungen sind wir Menschen im besten Sinne des Wortes. Als solche tragen wir unsere Trauer vor Gott als dem Höchsten, bei dem alle Hoffnung auf Vollendung und Schönheit erfüllt ist.

Liebe Anverwandte von Helga Teßmann, liebe Freundinnen und Freunde, Weggefährten und Musikliebende, liebe Gemeinde!

Welch eine Herausforderung ist uns gestellt in diesem Leben, das Schöne zu entdecken und zu kultivieren! Schönheit an sich gibt es nicht. Schön ist allein das, was sich den Sinnen des Wahrnehmenden als beglückend einprägt - das Licht und die Farben, das Flüstern des Windes und das Rauschen der Wälder, das Murmeln des Baches und das Brausen der Brandung.

Der Menschen Bestimmung ist es jedoch, natürliche Schönheit zu kultivieren. Also das, was die Sinne empfinden, mit dem Geist zu erfassen und und ihm eine neue Form zu geben, durch die es zum reproduzierbaren Mehrprodukt auf dem Wege zu Sinn und Glück unseres Lebens wird. Jedem Menschen sind dafür Gaben gegeben, die einen werden Maler, die anderen Musiker, wieder andere werden Meister des Wortes. Und die meisten reizen mit ihrem Beifall und ihrer Bewunderung zu Höchstleistungen auf, die zum allgemeinen Kulturgut der Menschheit werden. Unsere Verehrung gilt denen, die mit ihrem Geist erfassen und mit ihren Gaben vermitteln, was uns nottut - einen weiten Blick für das Menschsein zu finden.

Helga Teßmann hat uns geholfen, dem Menschsein seine schönen Seiten abzugewinnen. Mit ihrer Haltung, ihrer Kultur, ihrer musikalischen Intensität, auch ihrem pädagogischem Impetus, erntete sie nicht nur Bewunderung, sondern erwarb sie sich das Vertrauen der Menschen, die mit ihr in Kontakt kamen. Ja, um die Menschen ging es ihr wohl am meisten, sie ihrer Kultur zu würdigen und ihrer Möglichkeiten bewusst zu machen, sie ihrer Lust am gediegenen Wort und ihrer Musikalität gewahr werden zu lassen. Das alles schlummert unserer Natur nach in uns, braucht in der Regel aber Menschen, die diesen Schatz ans Licht bringen. Mit der unbeirrbaren Zielstrebigkeit eines Autodidakten erwarb sie die nötigen Fertigkeiten und das tiefe Verständnis für die klassische Musik. Und alle, die schöpferisch an der Hervorbringung und Vermittlung von Musik arbeiten, wurden ihr zu geistigen Weggefährten. Sie pflegte Zeit ihres Lebens viele Freundschaften zu Musikern und Musikpädagogen, erarbeitete ebenso Programme, die sich mit dem Schaffen und dem Werk berühmter Komponisten auseinandersetzten. Sie selbst bot solche Programme einem interessierten Publikum dar. Aber auch mit ihren Schülern trat sie auf der Bühne in Erscheinung. Vielen von uns ist sie in lebendiger Erinnerung, wie sie in schlichter Eleganz sicher und mit großer sprachlicher Prägnanz ohne Hilfe eines Konspektes durch das Programm führte. So sehr lebte sie in der Welt der klassischen Musik, dass sie ihre berufliche Existenz ganz darauf baute.

Die andere Säule ihrer Existenz neben der Musik war Helga Teßmanns Familiensinn. Zwar blieb sie kinderlos und ihren beiden Ehen war kein Glück beschieden, doch mit dem Graphiker Hans-Joachim Warnstedt fand sie nach langen Jahren den passenden Gefährten der sie verstand und wertschätzte und in ihrer künstlerischen Existenz inspirierte. Sein Haus in Karthan wurde ihr Zuhause.

Was aber ihren Familiensinn besonders unterstreicht, ist ihr Festhalten an den Bildern ihrer Kindheit im erzgebirgischen Annaberg-Buchholz, das ihr die scherzhafte Bezeichnung 'Weihnachtsengel' einbrachte.

Neben dem Schnitzwerk, der Pyramide, der Weihnachtskrippe, wie wir sie alle als erzgebirgische Volkskunst kennen, waren es vor allem Kerzen über Kerzen, die ihre Wohnung mit dem warmen Lichterschein erleuchteten. Nicht nur Kinderaugen spiegeln diesen Schein, sondern das kindliche Herz, dem der Glaube an das Gute und Schöne innewohnt, das sich im Namen Gottes personalisiert. Ja, Helga Teßmann war eine gläubige Christin. Nicht so sehr im Sinne eines Gemeindechristentums, eher in der Art eines ästhetischen Christentums, das im Schönen und Vollkommenen einen Widerschein der göttlichen Herrlichkeit wahrnehmen kann. Wir haben vorhin das Jesus-Wort gehört: Glaubt an das Licht, solange ihr's habt, auf dass ihr des Lichtes Kinder werdet. (Joh 12,36) Ich denke, sagen zu dürfen, dass Helga Teßmann an das Licht in Christus glaubte, das sichtbar und hörbar wird denen, die ihre Seele dafür aufschließen. Mehr noch, dass dieses Licht in ihr wohnte und sie zu einem Kind dieses Lichtes machte. Und in diesem Licht kann sie keine Finsternis des Todes umhüllen, sondern wird sie geleitet werden in den himmlischen Saal, in dem das Halleluja und das Gloria und das Sanctus in vollendeter Harmonie von den Engeln gesungen wird. Ja. Amen.



Wenn sie ans Mikrofon trat und ihre Stimme erhob, umgab sie eine feine Aura. Sie erzählte frei - Heiteres und Tragisches - in ihren Rollen war sie unübertrefflich. Sie zog die Menschen mit ihrer Ausstrahlung in ihren Bann.

Es war glückliche Fügung, die mich mit Helga Teßmann zusammen brachte. Wir gestalteten seit 2006 insgesamt 8 musikalisch-literarische Programme, über bedeutende Musikerpersönlichkeiten und erfreuten damit uns sowie unser Publikum.

So wieder vergangenen Samstag, wo uns die Menschen nach dem Konzert in Bad Suderode mit stehenden Ovationen dankten. Es war einer ihrer brillantesten Abende.

Uns verbanden gemeinsame Wurzeln im Erzgebirge und die Leidenschaft für die Musik. Es wuchsen Freundschaft, Vertrauen und Verständnis. Sie war stets Vorbild, wurde von ihren Schülern und vielen Kollegen sehr verehrt. In ihnen allen hat sie ihre Spuren hinterlassen.

Ihr tragischer Tod ist unfassbar und riss sie aus einer ihrer glücklichsten Lebensphasen, denn wir hatten noch so viel vor und sie auch eine schwere Krankheit gerade fast überwunden.

In unserem Programm "Seit ich ihn gesehen..." zitierte sie einen Brief von Johannes Brahms an Joseph Joachim nach dem Tode von Clara Schumann. Dieser soll allen um sie Trauernden Trost sein:

"Und wenn sie von uns gegangen ist, wird nicht unser Gesicht vor Freude leuchten, wenn wir ihrer gedenken, der herrlichen Frau, derer wir uns ein langes Leben hindurch haben erfreuen dürfen. Sie immer mehr zu lieben und zu bewundern, so nur trauern wir um sie."


In stiller Trauer
Konstanze John und Peter Lucht